Die Angst vorm Verknalltsein – Bekenntnisse einer unsicheren Schisserin

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Manchmal ist Berlin ein großartiger Ego-Booster. Aber manchmal ist Berlin auch ein einziger Ego-Fick!

 

Überall Menschen, die man jederzeit kennenlernen kann. Offen, kommunikativ und bereit für Knistern. Im Moment leben, sich für eine Nacht intensiv lieben und eine großartige Zeit haben, das kann man in Berlin besonders gut. Sich durch flüchtige Bekanntschaften das Ego aufpolieren lassen auch.

Aber manchmal ist Berlin eben auch ein einziger Ego-Fick. Wenn du nämlich ab und an im Kreislauf des „andere Menschen konsumieren“ merkst, dass du jemanden anfängst zu mögen. Wenn du merkst, dass dich die Tinder-Bekanntschaft von neulich für mehr als nur Sex interessieren könnte. Denn da sind die Gespräche, die so viel ehrlicher und tiefer sind, als du es sonst mit deinen Dates gewohnt bist. Da ist der sehr kompatible Humor, der euch vor Lachen glucksen und total albern sein lässt. Ein schönes Lachen hat er.

In deinem Magen flattert es komisch.

Es ist eigentlich paradox: du beschwerst dich darüber, dass dich keine deiner Tinder-Bekanntschaften begeistern kann und dann passiert es. Du triffst jemanden und bist von den Socken! Und plötzlich ist da neben den kleinen, zaghaften Schmetterlingen im Bauch ein anderes Gefühl, das alles überschattet. Eines, dass versucht jegliche Euphorie im Keim zu ersticken:

Angst.

Fuck, du fängst an Gefühle zu entwickeln.

Wieso Fuck, hast du dir nicht heimlich genau das gewünscht?

Wovor hast du solche Angst?

Du stellst traurig fest: jemanden zu mögen fühlt sich gerade irgendwie noch beschissener an, als wenn dir alle egal sind… Du verstehst langsam, welchen Spirit der Autor Michael Nast meint, wenn er deine Generation als „Generation Beziehungunfähig“ bezeichnet. Weil du Angst davor hast, deine Schutzmauern einrennen zu lassen und verletzt zu werden.

Sind wir alle tatsächlich so verunsicherte Schisser?

Woher rührt diese Unsicherheit?

Und da kommt in deinem Fall wieder Berlin ins Spiel. Denn du lebst in einer Stadt, in der alle ein Maximum an Freiheiten gewohnt sind. In der sie sich oftmals nicht festlegen wollen. Und mal ehrlich, erst Recht nicht an einem Ort wie Tinder… Wie kommst du darauf, dass du dort jemanden kennenlernen könntest, der ernsthaftes Interesse an dir hat? Vermutlich weil du auch diese 1,2 Paare in deinem Freundeskreis hast, die sich über diese Plattform kennengelernt haben, stimmt`s? Aber du weißt ja, dass die Chance dafür extrem gering ist… Das ist eigentlich das Fieseste an Tinder:  es ist eine Art Glückspiel für (hoffnungslose) Romantiker/ innen.

Und jetzt mal Hand aufs Herz:

Du magst dich nach außen hin tough und stark präsentieren. Aber irgendwie ist da tief in deinem Kopf doch die Idee vergraben, dass du auf der beschissen-oberflächlichen Plattform Tinder jemanden finden könntest. Dass du die „extrem geringe Chance“ bekommen könntest, dich dort zu verlieben… Die 1:100 zu sein. Aber diesen Gedanken willst du ungern häufiger zulassen. Wer keine Erwartungen hat, der kann auch nicht enttäuscht werden, so lautet die Devise. Gesunder Selbstschutz in Sachen Mann mit dem tollen Lachen ist also angesagt! Denn wer weiß wie viele Frauen er noch so datet neben dir. Du checkst sein Tinder -Profil aus und siehe da: es wurde seit deinem letzten Kontrollgang aktualisiert.

Zack – ein dumpfer Schlag in die Magengrube. Gefolgt vom kindischen Impuls es ihm gleich zu tun. Schnell das Profilbild und den Text aktualisieren, um ein klares Signal zu senden: ätsch, siehste mal, ich bin auch weiterhin am Suchen, so toll bist du gar nicht!

Aber eigentlich ist es jetzt viel stärker Nichts zu tun.

Dass er –sollte er vielleicht auch dein Profil checken- sieht, dass du deine virtuelle Präsenz gerade nicht optimierst, sondern darauf scheißt. Dass du vielleicht gerade niemanden außer ihm kennenlernen möchtest. Aber dieses Nichtstun erfordert irgendwie mehr Eier als gedacht. Heißt sein aktualisiertes Profil, dass er dich trotz der tollen Gespräche und des intensiven Kontakts doch nicht so toll findet? Oder wieso schaut er sich weiter um, Routine? Oder vielleicht einfach die Neugier darauf, was Berlin sonst noch so an tollen Frauen zu bieten hat…

Denn das ist der Fluch dieser Stadt.

Sie ermutigt uns oft als „Meer der tausend Möglichkeiten“ dazu, dem allgemein herrschenden Optimierungstrend vollends nachzugehen, und immer nach dem nächstbesseren, passenderen Fit zu suchen.

Dein Kopf raucht.

Um jetzt nicht total durchzudrehen, erwischst du dich dabei, wie du anfängst zu swipen. Indem du dir andere Optionen offen hältst, bist du entspannter. Setzt ihn vielleicht nicht unter Druck und kannst ihm zeigen, dass du so toll bist, dass er gar nicht weitersuchen muss. All die grinsenden Männerfotos, die dir auf deinem Smartphone entgegen blitzen geben dir Sicherheit. Und Halt. Nicht dein Profil aktualisieren, aber zur Entspannung weiter tindern. Klasse, das hast du wirklich großartig gemacht!

Und du erwartest von ihm, dass er nur dich kennen lernen will? Wenn du den Druck des „Jemanden –Toll- Findens “ selbst nicht standhalten kannst?

Du bist offensichtlich dir verunsicherteste Schisserin von allen.

Nachdenkliche Grüße,
Natalie.

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