Tinder Fotos & Co – wieviel Schummeln zu viel?

tinder Fotos und Co. - Schummeln auf Dating Apps okay?

Romantische Tinder Fotos und blumige Beschreibungen: Die Gratwanderung zwischen der Realität und dem geschönten Profil ist oft sehr schmal. Wieviel Schummeln ist also zu viel?

 

Oder sind am Ende doch die eigenen Erwartungen an den Anderen und das damit einhergehende Kopfkino Schuld, dass wir enttäuscht sind?

Das Spiel des Schummelns kennen wir bereits aus den Kindertagen: beim Verstecken mogeln oder in der Schule vom Nachbarn abschreiben… klar soweit!

Auch im Erwachsenenalter greift der ein oder andere gern tief in die Trickkiste, um sich in gewissen Situationen einen Vorteil zu erspielen. Und hierbei ist es ganz gleich, ob in Form von Wort oder Tat. Wir alle kennen folgende Szenarien bestens: der Push-Up Bra, der das Dekolletee etwas praller darstellt. Auch die Herren der Schöpfung (einige, denn wir verallgemeinern hier doch nicht!) mogeln mit ihren HERRlich-stoppeligen Prachtbärten über’s Babyface hinweg.

Und was im realen Leben derweil schon ganz gut klappt, funktioniert in den Weiten und Anonymitäten des Internets doch noch viel besser. Meine Frage daher: wie heftig wird bei Tinder Fotos geschummelt und wieviel ist zu viel?

Gelabert wird viel auf den Profilen: da wird das Ego mit „Das sagen andere über mich- Lobeshymen“ beweihräuchert  (meistens stammen die Zitate von Mutti oder der Ex) und philosophische Lebensweisheiten niedergeschrieben, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Auch die Körpergröße und viele andere höchst kreative, teils arrogante Faseleien werden zum Besten gegeben, um sich virtuell bestmöglich zu verkaufen.

Soweit, so (un)klar, wer sich hinter den Tinder Fotos und dem dazugehörigen Profil nun wirklich verbirgt. Aber welche Faktoren muss man überhaupt checken, um vermeidliche Schummler zu enttarnen?

 

Der Ring ist eröffnet, Ladys!

Runde 1 – Mit Adleraugen und messerscharfer Präzision wird zunächst nach links geswiped, was das Handydisplay hergibt. Links, Links, Links, li-… warte! Ein interessantes Exemplar, das mich aus meinem Smartphone auf seinen Tinder Fotos frech angrinst. Oder nachdenklich in die Ferne starrt. Oder besonders herzerwärmend einen Hundewelpen hält.

Und wenn sich Frau erst einmal interessiert, dann will sie auch wissen, wer er denn so ist. Das wird sie aber vermutlich nicht aus der Personenbeschreibung des Profils erfahren, denn hier kann die Schummelei bereits beginnen: über den derzeitigen Beruf, über Hobbies oder auch anvisierte Intentionen („bitte keine ONS“ – spätestens beim ersten Date, wenn eindeutige Versuche gestartet werden, fliegt die Mogelpackung doch auf!?). Auch auf den Tinder Fotos kann die Wahrheit oft ‚geschönt‘ werden (ich lernte jemanden kennen, der Bildausschnitte perfekt setzen konnte, um über seine stabilere Figur hinweg zu täuschen, just sayin‘).

Wenn der Auserwählte nicht bereits in der ersten Runde rausfliegt, weil der wenig überzeugende Text vor Masche nur so trieft, dann eröffnet sich Runde 2 – ding, ding!

 

Runde 2 – Während des Schreibens mit dem Gegenüber tun sich einige kommunikative Abgründe auf, denn Ladies kombinieren und gleichen Aussagen miteinander ab. Hier fallen die meisten Flunkereien auf.

Besonders sympathisch war dieser junge Mann, der anscheinend den Chat verwechselte, als er mir folgende mitternächtliche Message schrieb: „Hey Süsse, war sehr schön, heute mit dir telefoniert zu haben. Freue mich auf nächste Woche.“ So ein Malheur, war ich doch bisher nie in die Gunst eines Telefonats gekommen.

Aber manch anderes Exemplar fällt auch nach einigem Hin- und Hertickern nicht durch mein Single-Sieb.  Die Tinder Fotos überzeugen und charmant, aufmerksam und wortgewandt werden meine Nachrichten beantwortet. Ich freue mich, sobald die kleine Flamme auf meinem Handy aufleuchtet und eine neue Nachricht von IHM auf mich wartet. Zeit ihm meine Handynummer zu geben, um den guten Gesprächsflow und die beginnende Sympathie bei einem Treffen in der Realität weiter auszutesten…

 

Runde 3 – Herzlichen Glückwunsch! – Der Moment, wenn du aufgebrezelt am S-Bahnhof stehst und auf dein Date wartest. Das Maßband schon ausgerollt, denn die angegebene Körpergröße muss ja zuerst geprüft werden (sorry, aber was hat es damit auf sich?).

Der Blick huscht wild durch die Menschenmenge. „Fingers crossed – hoffentlich keine optische oder kommunikative Vollkatastrophe“. Sind wir ehrlich, hatten wir nicht alle schon jemanden ge-blind-datet, der unseren Erwartungen nicht entsprach? Und so gern ich mich jedes Mal dagegen wehre, mir durch Tinder Fotos und virtuelle Schreiberei vorab ein Bild von der Person zu machen – so ganz will es mir nie gelingen. So ist es eben mit dem Kopfkino, es legt die Erwartungslatte ziemlich hoch.

Und dann stapft diese fremde, und doch nicht fremde Person etwas zögerlich auf mich zu…

Ole (richtige Namen gibt es hier natürlich nicht, denn wir sind megadisket), ist auf seinen Tinder Fotos ein echter Naturbursche mit einer Vorliebe für Kraftsport und mit breiten, muskelbepackten Armen. Allerdings hatte der Gute wohl seit einiger Zeit das Fitnessstudio nur von außen betrachtet und schon länger keinen Friseur mehr besucht– schade eigentlich. Hier gibt es offensichtliche Unstimmigkeiten zwischen der digitalen und analogen Realität. Ole schäm‘ dich was und aktualisiere dein Profil und deine Tinder Fotos!

Da ich aber alles andere als oberflächlich-  und sowieso erstmal nur an einem netten Gespräch interessiert bin, freue ich mich auf ein fruchtbares Pläuschen mit Ole. Denn der hatte im Messenger schon richtig viel zu erzählen: seine Reise nach Asien, der Unistress und Zukunftspläne… ich kenne bereits seine halbe Lebens- und Leidensgeschichte.

Und schon sitzen wir im schnuckligen Café um die Ecke… und nie fühlte ich mich unwohler. Er zu unkommunikativ, ich drehe dafür umso mehr an meiner Kommunikationsschraube, sodass das Gespräch eher im Monolog meinerseits ausartet. Was war nur passiert? Der schreibefreudige Ole mutiert innerhalb von Sekunden zu einem schweigsamen Naturburschen Light. Absichtliche Irreführung?

Ich verlasse bald das Café…

Das matte, ernüchternde Scheissdate-Gefühl hielt den ganzen Nachhauseweg. Ich war mir sicher, dass der Drops an dieser Stelle gelutscht war, doch dann trudelte eine nette Nachricht von Ole ein. Er fand das erste Date sehr nett und das Gespräch total angenehm. Wie bitte?! Ich hatte mir den Arsch kommunikativ abgearbeitet!

Am Ende eines jeden Dates ohne Funkensprühen frage ich mich, ob wohl alle Herren fuchsige Schummler mit besten Photoshop- und  Schreibskills sind.

Oder hab ich die Wände meiner Luftschlösser selbst zu hoch gezogen?

Ganz klar, jeder Mensch komplettiert die vielen Eindrücke zu seiner subjektiven Realität, doch vielleicht sollte man sich öfter zwingen, unbedarft in Blind Dates hineinzugehen. Und hier ist es nicht von Vorteil, gemeinsam ewig im Digitalen zu verharren, sondern relativ zügig auf ein echtes Treffen zu pochen, um Schönfärberei zu vermeiden.

Herzlichst,
eure Nadja.

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